Lothar Mertens

Rote Denkfabrik?

Die Akademie fĂĽr Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED

LIT Verlag MĂĽnster 2004

 

In meinem wissenschaftlichen Leben habe ich weit über hundert Rezensionen und Annotationen verfasst. Aber noch nie ist mir eine so schwer gefallen wie diese. Denn das Buch, über das hier geschrieben werden soll, handelt über einen Ort, eine Zeit und über Menschen, die für 25 Jahre Mittelpunkt meines Lebens waren. Da besteht die Gefahr einer zu subjektiven Sicht, ungerechtfertigter Kritik und auch des krassen Fehlurteils. Denn die Erwartungshaltung, mit der man an eine solche Arbeit herantritt, wird geprägt durch das eigene Wissen, die intellektuellen und emotionalen Erfahrungen und Erlebnisse, die heute erreichte Verarbeitungsstufe dieser Zeit, aber auch durch die massenhaften Fehldeutungen und Legendenbildungen, die man in den letzten fünfzehn Jahren zur Kenntnis nehmen musste. So ist es denn ganz wichtig, dass man seine Erwartungshaltung möglichst frei hält von Vorbehalten und vorgefassten Meinungen.

Als das Buch vor mir lag, dachte ich, noch bevor ich die erste Seite gelesen hatte: Es ist gut, dass nun eine Untersuchung ĂĽber die Akademie fĂĽr Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED vorliegt. Es ist schade, dass sie nicht aus der Feder eines Insiders kommt. Es ist problematisch, dass sie nicht von einem Gesellschaftswissenschaftler aus der DDR kommt. Aber vielleicht ist es fĂĽr eine vorbehaltlose Sicht sogar besser, dass sich ein „unbelasteter“ Historiker dieses Gegenstandes bemächtig hat. Der Historiker Lothar Mertens, der 1994 seine Dissertation ĂĽber Kurt R. Grossmann, 1997 unter dem Titel „UnermĂĽdlicher Kämpfer fĂĽr Frieden und Menschenrechte“ veröffentlicht, in Potsdam eingereicht hatte, habilitierte sich an der Ruhr-Universität Bochum mit der Arbeit „Davidstern unter Hammer und Zirkel. Die JĂĽdischen Gemeinden in der SBZ/DDR und ihre Behandlung durch Partei und Staat 1945-1990“, die er auch publizierte. Gemeinsam mit Professor Wilhelm Bleek von der Bochumer Universität beschäftigte er sich mit dem Dissertationswesen in der DDR, woraus die Schriften „DDR-Dissertationen. Promotionspraxis und Geheimhaltung von Doktorarbeiten im SED-Staat“ (1994) und eine zweibändige „Bibliographie der geheimen DDR-Dissertationen“ (1994) hervorgingen. 2004 erschien eine Untersuchung zur DFG-Forschungsförderung im Dritten Reich unter dem Titel „Nur politisch WĂĽrdige“. Das vorliegende Buch zur Akademie fĂĽr Gesellschaftswissenschaften schlieĂźlich entstand auf der Grundlage eines DFG-Projektes unter dem Titel „Die Akademie fĂĽr Gesellschaftswissenschaften. Funktionen und WidersprĂĽche der parteinahen Forschung in der Ă„ra Honecker 1971 – 1990“, das an der Technischen Universität Chemnitz angesiedelt war. Von der Produktivität des Autors zeugen seine weiteren zahlreichen Publikationen, die in den letzten fĂĽnfzehn Jahren erschienen sind. Allein 24 Titel listet er im Literaturnachweis des Buches auf.

Die im Forschungsprojekt gestellte Aufgabe, die „parteinahe Forschung“ in der Zeit zwischen 1971 und 1990 zu untersuchen, stellt natĂĽrlich hohe Anforderungen, wenn man sie sachlich bewältigen will. Dazu gehören mindestens eine Einschätzung der inneren und äuĂźeren Entwicklungsprobleme der DDR in diesen zwanzig Jahren, eine Charakteristik der „Ära Honecker“ in Abgrenzung bzw. Unterscheidung zur „Ära Ulbricht“, eine Darstellung der geistigen Situation. Erst auf einer solchen Grundlage lässt sich einschätzen, ob und wie die „parteinahe Forschung“ diese Verhältnisse reflektiert, be- und verarbeitete bzw. auf sie eingewirkt hat. Dann ist da die Breite der Forschungs- und Publikationsarbeit an der Akademie; schlieĂźlich reichen die zu analysierenden Problemfelder von der Philosophie bis zur Literaturwissenschaft, von der Soziologie bis zur Kulturtheorie, von ökonomischen und historischen bis hin zu politikwissenschaftlichen Untersuchungen, von DDR-spezifischen und auf Deutschland bezogene Themen bis hin zu Fragen der internationalen Entwicklung. Diese Arbeiten haben ihren Niederschlag in BĂĽchern und BroschĂĽren, Dissertationen, Artikeln und Vorträgen gefunden. Das alles zu sichten, durchzuarbeiten und schlieĂźlich zu bewerten, ist wirklich eine gewaltige Aufgabe, und man muss vor Lothar Mertens den Hut ziehen, dass er sich ĂĽberhaupt einem so umfänglichen Ziel gestellt hat.

Aufbau und Struktur des Buches versprechen ein vielseitiges Herangehen des Autors an diesen sicher nicht leicht zu fassenden umfangreichen Gegenstand. In zehn Abschnitten – von der Einleitung bis zum ResĂĽmee – will er der im Titel aufgeworfenen Frage nachgehen, inwieweit oder ob ĂĽberhaupt diese Berliner Einrichtung eine Denkfabrik war, wie man sie vor allem aus den USA kennt. Neben der „Entwicklungsgeschichte“ (S.50-145), der „Forschung“ (S.146-168), den „Internationalen Kontakten“ (S.169-1989) und den „Sozialen Belangen der Mitarbeiter“ (S.199-214) wird natĂĽrlich auch das „SED-SPD-Papier“ S. 215-225) behandelt, an dem bekanntlich Mitarbeiter der Akademie entscheidend mitgearbeitet haben. Dem folgen noch drei Abschnitte, ĂĽber deren Stellenwert in diesem Buch man geteilter Meinung sein kann: Ein Exkurs: „Empirische Befunde sozialer Ungleichheit“ (S. 226-280), ein „Protokollauszug der Kontroverse Hager – Lötsch“ (S. 281-285) sowie der „Naumann-Zwischenfall“ (S. 286-297). Vor allem der sehr umfängliche Exkurs ĂĽber die soziale Ungleichheit in der DDR, der auf einem frĂĽheren Artikel von Mertens fuĂźt, wirkt wie ein Fremdkörper, zumal, wenn man dagegen hält, welchen Platz der Forschung an der Akademie eingeräumt wird – magere 22 Seiten. Doch wir wollen ja keine Vorbehalte schĂĽren, noch bevor wir das Buch wirklich gelesen haben. Lassen wir also diese ersten rein quantitativen EindrĂĽcke beiseite und wenden uns der inhaltlichen Analyse zu, die der Autor uns anbietet. Was wir erwarten, ist eine vorbehaltlose, sicher sehr kritische Analyse der von der Akademie und ihren Mitarbeitern in einer fast vierzigjähriger Geschichte vorgelegten Arbeiten, konzentriert auf die zwei Jahrzehnte zwischen 1971 und 1990.

In der „Einleitung“ werden wir nicht nur allgemein in die „rote Denkfabrik“ eingefĂĽhrt, sondern erfahren auch bereits die wichtigsten Einschätzungen und Wertungen, zu denen der Autor gekommen ist. Er beginnt  mit einer Darstellung des „stalinistischen Gedankengutes“,    bestimmt den Marxismus-Leninismus als „Wissenschaft und Ersatzreligion“ und skizziert, wie die „Wissenschaft am Gängelband der Partei“ hing. Damit verbindet er ein erstes Urteil, indem er sich Hermann von Bergs Meinung anschlieĂźt, wonach „das Heer der Marxismus-Leninismus-Prediger in der SED aus engstirnigen Sektierern, stumpfsinnigen Dogmatikern und machtpolitisch angepassten Zynikern“ bestand. Dazu zählt er ganz offensichtlich auch fast alle Mitarbeiter der Akademie, die fĂĽr ihn austauschbar waren „wie einzelne GlĂĽhlampen in einer langen Lichterkette“. Ob er mit diesem Bild wenigstens meint, dass sie das Dunkel erleuchtet hätten – bekanntlich war doch das Licht ein Wahrzeichen der deutschen Aufklärung! - , bleibt zweifelhaft, denn nach seiner Meinung konnten neue Ideen und originelle Gedanken im „ideologischen Einheitsbrei“ nicht entstehen. Nach diesen wenig sachlichen Einschätzungen kommt es nicht unerwartet, dass fĂĽr Mertens die Akademie fĂĽr Gesellschaftswissenschaften „weder theoretische Denkfabrik noch eine Akademie im klassischen Sinne“ (S. 22) war, weshalb sich eine „dezidiert inhaltliche Analyse“ erĂĽbrige: „Statt der erhofften Präsentation eines Innovationspotentials von Ideen als Deutungssysteme und Denkstile ...liegt eine institutionsgeschichtliche Darstellung vor, die darlegt, wie Ideen in den Kommunikationsprozessen Wissenschaftsordnungen des Sozialismus negiert und unterbunden wurden.“ (S.23) Damit ist klar: eine inhaltliche Analyse der „parteinahen Forschung“ findet in diesem Buch nicht statt. Was bleibt, ist eine von vornherein negativ bestimmte „institutionsgeschichtliche Darstellung“. Aber natĂĽrlich kann auch eine solche Arbeit vielfältige Informationen enthalten, zumal der Autor zahlreiche Dokumente, Belege u.ä. studiert hat. Und er hat sogar Gespräche mit 23 frĂĽheren Mitarbeitern der Akademie gefĂĽhrt, die allerdings sämtlich ungenannt bleiben wollen. Daher stellten deren Aussagen fĂĽr Mertens mehr „Hintergrundinformationen“ dar und werden nirgends explizit herangezogen.

Erstaunt ist man ĂĽber die BegrĂĽndung fĂĽr die Vorstellung der Akademie: Nach Ansicht von Mertens war nämlich die Akademie fĂĽr Gesellschaftswissenschaften eine „der wenig bekannten Institutionen im Wissenschaftssystem der DDR“ (S. 51). Hier liegt er völlig neben der Wirklichkeit und ist wohl selbst Opfer seiner Vorliebe fĂĽr das „sozialistische Geheimhaltungssyndrom“, das er an anderer Stelle als „Sicherheitsneurose“ bezeichnet. Die Akademie war ĂĽber vielfältige Kanäle mit dem wissenschaftlichen Leben der DDR verbunden, durch Forschungsvorhaben und wissenschaftliche Kongresse, durch Publikationen und die Vielzahl ihrer Absolventen, nicht zuletzt auch durch die vom Autor selbst angefĂĽhrten wissenschaftlichen Räte und die verschiedensten Problemräte.

Bei der knappen Vorstellung der einzelnen Institute der Akademie merkt man, dass der Autor Historiker ist, denn dem Institut fĂĽr Geschichte räumt er den breitesten Platz ein, während er die meisten anderen mit wenigen Sätzen abspeist. Wichtig erscheinen ihm dabei weniger die wissenschaftlichen Orientierungen und konzeptionellen Ausrichtungen der einzelnen Institute, sondern mehr die von ihm behaupteten „EifersĂĽchteleien“ zwischen den Instituten und solche Unterscheidungen wie die zwischen der Philosophie als „Heimstatt vieler Dogmatiker“ und dem Wissenschaftlichen Kommunismus als der „innovativen Vordenkerzelle der AfG“ (S. 101). Alle „kreativ-innovativen Personen und konstruktiv-kritischen Köpfe“, wenn es sie denn ĂĽberhaupt gab, kamen nach Mertens als Quereinsteiger an die Akademie, während die anderen nach den „formatierenden Phasen“ der Aspirantur zu „stromlinienförmigen Personen“ gemacht wurden (S. 147).

Recht informativ sind Zahlen ĂĽber Dissertationen, ĂĽber die Bibliothek der Akademie, ĂĽber Krankenstand und Urlaub der Mitarbeiter, das Telefonnetz und seine Nutzung und andere organisatorische Lösungen innerhalb der Akademie. Andererseits kann man sich des Eindrucks einer gewissen einseitigen Information durch den Autor nicht erwehren, wenn man in dem Abschnitt ĂĽber die internationalen Beziehungen lediglich die zur Sowjetunion und den anderen osteuropäischen Ländern erwähnt findet, nicht aber die zu den wissenschaftlichen Einrichtungen der kommunistischen Parteien in Westeuropa – so in Frankreich, Italien, Holland – oder die Kontakte zu internationalen Gesellschaften und Gremien.

Der umfängliche Anhang enthält  Kurzbiographien leitender Kader, die allerdings mehr zufällig zusammengestellt worden sind, eine Auflistung der Dissertationen, die an der Akademie verteidigt worden sind, aber auch sie nicht ganz vollständig, Monographien und Sammelbände seit 1954 und eine Zusammenstellung der in den Informationsreihen der Akademie erschienen Artikel und Materialien. Diese letzten 50 Seiten wären sicher besser fĂĽr die vielen Artikel in den Zeitschriften der DDR – beispielsweise in der Zeitschrift fĂĽr Geschichtswissenschaft, der Deutschen Zeitschrift fĂĽr Philosophie oder auch der „Einheit“ – sowie fĂĽr die Veröffentlichungen in Publikationen mit Autoren anderer wissenschaftlicher Einrichtungen genutzt worden. Allerdings hätte das eine andere Art von Recherchearbeit erfordert.  

Will man in einem pauschalen Satz den Gesamteindruck des Buches zusammenfassen, dann lautet der: Vieles stimmt, aber das Ganze nicht! Richtige Aussagen im Detail, Fakten fĂĽr den einen oder anderen Bereich können kein sachliches Gesamtbild der Akademie fĂĽr Gesellschaftswissenschaften, ihr tatsächliches geistiges Klima, ihre besondere Stellung gegenĂĽber anderen wissenschaftlichen Einrichtungen, ihre vielfältigen WidersprĂĽche und schon gar nicht eine Analyse der „parteinahen Forschung“ ersetzen..

Wer wie Lothar Mertens seine Wertung ĂĽber die Akademie bis zu der Feststellung treibt, dass die „pseudowissenschaftliche Arbeit an der AfG“ offensichtlich „in starkem MaĂźe zur Notwendigkeit von psychotherapeutischer Behandlung“  (S. 206) gefĂĽhrt hat, von dem ist kein realistisches, weder geschöntes noch verzerrtes Bild der Akademie zu erwarten. Vielleicht sollte man zuerst das ResĂĽmee des Autors lesen, wo er die MĂĽhen seines Forschungsvorhabens in einer Parabel zusammenfasst, die so trefflich zum Titelbild des Buches passt: Da hat einer durch geschlossene TĂĽren geschaut. Mir fiel dazu eine Bemerkung des deutsch-amerikanischen Nationalökonomen Hans Staudinger ein, der einmal sagte: „Es ist interessant, wie Geschichte geschrieben wird, nämlich meistens von Menschen, die nicht dabei waren.“